Branchenstudie Tankstellenmarkt 2022

Die Tankstellenbranche befindet sich im Wandel. Gründe für diese Entwicklung gibt es viele: das veränderte Mobilitätsverhalten durch die Corona-Pandemie, die mit steigenden Energiepreisen und veränderten Lieferketten verbundene Energiekrise als Resultat aus dem Ukraine-Krieg und der zunehmende Druck, mehr für den Klimaschutz zu tun und deshalb fossile Energieträger durch klimafreundliche Alternativen zu ersetzen. 

Die neue Ausgabe der Branchenstudie Tankstellenmarkt 2022 untersucht unter anderem das Potenzial neuer Energieformen, die Rolle eines breiten und qualitativ hochwertiges Shop- und Bistroangebots sowie die Bedeutung der verschiedenen Dienstleistungsangebote wie etwa das Waschgeschäft. Hierbei legt die Studie den Fokus insbesondere auf den Mittelstand, der regional und nah am Kunden agiert und sich innovativ und flexibel an den Markt anpassen kann – ein deutlicher Wettbewerbsvorteil im Vergleich zu den starren Strukturen internationaler Konzerne. 

Geschäftsfeld Kraftstoffverkauf

Wie entwickeln sich die Kraftstoffpreise? Diese Frage ist nicht nur für Autofahrer, sondern auch für die gesamte deutsche Wirtschaft relevant. Dabei ist zu beachten, dass die Kraftstoffpreise aufgrund des hohen Commoditisierungsgrades im Kraftstoffgeschäft eine herausragende Rolle spielen. Das heißt: Kraftstoffe sind hochgradig austauschbar, weshalb die meisten Kunden die Wahl ihrer Tankstelle vor allem vom Preis abhängig machen. Grundsätzlich spiegelt die Preisentwicklung unter anderem Veränderungen in den Rohölpreisen wider. Der globale Rohstoffhandel wird von der (weltweiten) Konjunktur beeinflusst, aber auch von der politischen Lage oder von der Jahreszeit. Hinzu kommt, dass Öl weltweit in US-Dollar gehandelt wird, sodass die Dollarkursentwicklung ebenfalls Einfluss nimmt. Auch die Kostenstruktur, wie zum Beispiel Raffineriekosten, Transportkosten oder Kosten für Investitionen, Instandhaltung oder Umweltauflagen, sowie die Margenvorstellungen der Mineralölkonzerne spielen bei der Preisbildung eine Rolle. Wesentliche Bestandteile der Endverbraucherpreise für Kraftstoffe sind neben den eigentlichen Produktpreisen vor allem Steuern und Abgaben (Energiesteuer, Mehrwertsteuer, CO2-Abgabe, EBV).

Mit Blick auf die Daten von 2022 zeigt sich, dass die Kraftstoffpreise eher gestiegen sind, wobei der Ukraine-Krieg und der dreimonatige Tankrabatt zu Sondereffekten geführt haben. Hier haben entsprechende Untersuchungen des ifo Instituts und des Bundeskartellamt jedoch bestätigt, dass der Tankrabatt großteils an die Autofahrer weitergegeben wurde.

Betrachtet man den generellen Trend der Entwicklung der Bruttomargen im Kraftstoffgeschäft, so ist dieser in Deutschland seit Jahren positiv. Lediglich im Jahr 2021 lag die Bruttomarge sowohl bei Ottokraftstoffen als auch bei Dieselkraftstoffen deutlich unterhalb der Vorjahreswerte. Grundsätzlich stehen die Tankstellen fast „klassisch“ bei den Kundinnen und Kunden und in der Politik in der Kritik, ihre Margenspielräume auszunutzen und zu optimieren. Dabei herrscht im Markt für die Verbraucher eine ausgeprägte Transparenz der Preise durch die Markttransparenzstelle und zahlreiche Tankpreis-Apps.

Rolle der Elektromobilität an Tankstellen

Tankstellen verfügen über eine gute Infrastruktur und verkehrsgünstige Standorte und sind bei den Kundinnen und Kunden seit jeher etabliert als Ort, an dem sie ihr Auto „auftanken“ können. Das ist eine große Chance für die Branche. Für die Tankstellenunternehmer bietet die Elektromobilität nicht nur Potenzial als weiteres Geschäftsfeld neben den flüssigen Kraftstoffen. Durch die längere Aufenthaltsdauer aufgrund des Ladens können sie den Autofahrern weitere Dienstleistungen anbieten. Hierzu heißt es in der Studie: „Es bietet sich dabei an, von der Kombination von Dienstleistungen zu profitieren und ihre bestehenden Dienstleistungen und Kompetenzen, wie Shops, Gastronomie oder Autowäsche, mit dem Angebot von Ladestationen zu verbinden und so ein umfassendes Serviceerlebnis für Kunden zu schaffen. Zudem trägt der Aufbau von Ladeinfrastruktur auch zu einem Image- und Markenwandel bei, denn durch den Einstieg in die Ladeinfrastruktur können Tankstellen ihren Fokus auf nachhaltige Mobilität lenken und ihr Image als umweltbewusster Anbieter stärken. Ein wesentlicher Vorteil liegt zudem darin, dass sie ihre bestehenden Kundenbeziehungen nutzen können, um Fahrern von Elektroautos attraktive Angebote, Rabatte oder Bonusprogramme anzubieten und somit die Kundenbindung zu erhöhen.“

Die Installation von Ladeinfrastruktur insbesondere an Tankstellen ist allerdings mit nicht unerheblichen Hürden verbunden, die die Betreiber alleine nicht beeinflussen können. Zu nennen sind hier vor allem die erheblichen Investitionen in die technische Infrastruktur, um die Netzkapazität und Standorte zu optimieren. Je nach Standort kann die Investition im sechsstelligen Bereich liegen. Zudem ist ein erhöhter Platzbedarf notwendig, um ausreichend Raum für die Ladeinfrastruktur zu schaffen. Auch die Wettbewerbssituation ist nicht einfach, da sich der Markt zum Teil bereits auf Privathaushalte und Unternehmen, Kommunen, Energieunternehmen, Handel, Gastronomie und Parkhäuser „vorverteilt“ hat. „Es müssen zudem Lösungen für den Übergang vom alten Kraftstoffgeschäft zum Anbieter von Strom gefunden werden. Das ganze Thema ist also äußerst komplex“, betont Studienautorin Prof. Hanna Schramm-Klein von der Universität Siegen.

Geschäftsfeld Shop 

Ebenso wie im Kraftstoffgeschäft verzeichneten die Tankstellen im Shopgeschäft im vergangenen Jahr eine positive Entwicklung: Der durchschnittliche Shopumsatz lag 2022 bei circa 1,1 Millionen Euro, die durchschnittliche Verkaufsfläche bei etwa 80 Quadratmetern und die Flächenproduktivität bei 13.982 Euro pro Quadratmeter. Laut Prof. Schramm-Klein ist die Flächenproduktivität damit deutlich höher als bei vielen Supermärkten. Das Shopgeschäft an Tankstellen zeichnet ein hohes Differenzierungspotenzial aus, weil Betreiber ihre Shopsortimente, die Gastronomie sowie Ruhe- und Logistikbereiche auf ihre Zielgruppen hin optimieren können. Ziel dabei sollte es sein, den Kundinnen und Kunden ein möglichst angenehmes Einkaufserlebnis zu bieten. 

Das Einkaufsverhalten an der Tankstelle wird sich allerdings in Zukunft wandeln. Aktuell ist es gekennzeichnet durch Geschwindigkeit: schnell in den Shop rein, bezahlen und gleich wieder raus. Je nachdem, welche Positionierung Tankstellen in Zukunft haben, wird sich dieses Verhalten verändern. Hier wird auch eine längere Aufenthaltsdauer bei Einführung von Ladesäulen eine Rolle spielen. Generell ist nicht nur das Angebot am Standort von Bedeutung, sondern vor allem die Markengestaltung sowie Spezialisierungsoptionen in bestimmten Warengruppen wie Tabakwaren und Spirituosen. Unter Umständen kann auch die Einführung von Eigenmarken als Differenzierungsmerkmal eine Rolle spielen und für höhere Margen sorgen. Einige Tankstellenunternehmen innerhalb des bft haben hier bereits Erfahrungen gesammelt. Zu nennen sind unter anderem die Sprint- und Go-Tankstellen von Sprint Tank oder die CLASSIC Tankstellen der Lühmann Gruppe.

Prinzipiell ist davon auszugehen, dass sich neue Shopkonzepte bis hin zur Automatisierung in Form von Smart Stores entwickeln werden. Die Tankstelle wird zudem sicherlich ihre Position als (Nah-)Versorger im urbanen und ländlichen Raum stärken. Die Bedeutung von Convenience in Tankstellenbranche wird also laut Studie weiter zunehmen. Gleichzeitig muss sie sich gegen die starke Konkurrenz durch bereits weit entwickelte Konzepte des Lebensmittelhandels durchsetzen. 

Geschäftsfeld Servicedienstleistungen

Als drittes zentrales Geschäftsfeld der Tankstellen hat die Branchenstudie Tankstellenmarkt 2022 den Bereich Serviceleistungen untersucht. Dieser leistet nach wie vor einen wichtigen Margenbeitrag, fokussiert sich aber zunehmend auf personalarme beziehungsweise personallose Leistungen. Im Durchschnitt lag der Umsatz mit Serviceleistungen pro Tankstelle 2022 bei rund 111.234 Euro, also nur bei einem Zehntel des durchschnittlichen Shopumsatzes. Dabei haben die Studienautoren beobachtet, dass die Angebote zuletzt deutlich zurückgefahren wurden. Kfz-Reparatur und Wartungen spielen beispielsweise eigentlich fast gar keine Rolle mehr.

Die höchste Bedeutung sowohl mit Blick auf den Umsatz- als auch auf den Margenbeitrag haben Autowaschanlagen, mit denen im Durchschnitt 62.317 Euro Umsatz jährlich, also ein Anteil von rund 56 Prozent am Gesamtumsatz des Geschäftsbereichs, generiert werden. Der durchschnittliche Bruttoverdienst lag 2022 bei rund 52.903 Euro. Eine Tankstelle führte 2022 im Durchschnitt 6.877 Autowäschen im Jahr durch, was einem Durchschnittspreis (brutto) pro Wäsche von rund neun Euro entspricht. Die durchschnittliche Anzahl der Autowäschen variiert dabei nach Tankstellengröße. Grundsätzlich dominieren Portalwaschanlagen, hinzu kommt verstärkt der SB-Betrieb. Hier zeigt sich wieder der Trend hin zu personallosen beziehungsweise -armen Serviceleistungen.

Grundsätzlich sehen die Studienautoren Chancen im Bereich von Serviceleistungen, die automobilnah sind. Dabei liegt das Potenzial insbesondere in Reinigungsservices, die über eine reine Außenwäsche hinausgehen. Eine Integration von Autowaschservices in Tankstellen bietet die Möglichkeit, den Kunden einen „One-Stop-Service“ für Tanken und Waschen ihrer Fahrzeuge anzubieten.

Allerdings ist die Konkurrenz durch spezialisierte Anbieter in diesem Bereich sehr hoch, was es für Tankstellenbetreiber schwierig machen kann, sich auf dem Markt zu behaupten. Aus Kundensicht werden Spezialanbieter häufig als qualitativ hochwertiger wahrgenommen, während die Waschanlagen der Tankstellen eher mit einer einfacheren, grundlegenden Reinigung assoziiert werden. Wie bereits im Kontext des Shopgeschäfts gesehen, können Veränderungen im Tank- und Ladeverhalten die Frequenz der Serviceangebote der Tankstellen, wie zum Beispiel der Waschanlagen, negativ beeinflussen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Tanken beziehungsweise Laden mit der Wahrnehmung weiterer Serviceleistungen verbunden wird.

Digitalisierung an Tankstellen

Alle sprechen von Digitalisierung. Aber wie weit ist eigentlich die Tankstellenbranche bei diesem Thema? „Digitalisierung macht man nicht zum Selbstzweck. Im Vordergrund müssen Effektivitäts- und Efizienzsteigerungspotenziale stehen, sprich die richtigen Dinge richtig tun und sie unterstützt durch die Digitalisierung verbessern“, ist Prof. Schramm-Klein überzeugt. Im Tankstellenbereich beobachtet die Handelsforscherin zwei Bewegungen: Einerseits einen Digitalisierungspull durch die Branche selbst und andererseits einen Digitalisierungspush von außen durch Technologieentwicklungen, die Integration in Wertschöpfungsketten und (internationale) Supply-Chain-Prozesse sowie die Kundennachfrage.

Digitalisierung findet dabei heute vor allem bei den Back-End-Prozessen, etwa im Waren-, Bestands- und Umweltmanagement, statt. Gleichzeitig wird Digitalisierung auf dem Forecourt und im Shop beispielsweise durch Kundeninteraktion und -bindung sowie durch mobile Zahlungs- und Pay@Pump-Lösungen sichtbar. „Da ist die Tankstellenbranche schon relativ weit“, lautet Prof. Schramm-Kleins Einschätzung.

Und in Zukunft? Für die Tankstellenbranche scheinen insbesondere die Smart Stores und Unmanned Stores relevant zu werden. Hier beobachtet die Expertin jetzt schon technologiegetriebene Einzelhandelskonzepte, die den Einkaufsprozess beispielsweise durch Self-Scanning, Automatensysteme und „Grab and Go“ optimieren. Außerdem müsse man sich im Rahmen der Entwicklung des autonomen Fahrens überlegen, wer denn eigentlich künftig die Entscheidung treffen wird, an welche Tankstellen man fährt: der Fahrer oder das Auto? 

Die Entwicklung bedeutet für die Tankstellenunternehmer einen erhöhten Beratungs- und Informationsbedarf während der Übergangszeiten, vor allem bei solchen Kunden, die mit dem Innovationstempo überfordert sind. Zudem müsse die Branche Sicherheitsaspekte und die Anfälligkeit für technische Störungen und Cyberangriff im Blick behalten, betont Prof. Schramm-Klein.

Fazit:

„Jede einzelne Tankstelle muss für ihren individuellen Standort das passende Geschäftsmodell finden und einen Spielraum für Investitionen entwickeln, um mit Ideen experimentieren und den Betrieb immer wieder neu optimieren zu können. Hier sind die mittelständischen, meist familiär geprägten Unternehmen mit ihren kurzen Entscheidungswegen und flexiblen Strukturen klar im Vorteil“, ist Duraid El Obeid, Vorstandsvorsitzender des bft, überzeugt. „Unsere Funktion als Mobilitätsanbieter und Nahversorger sichert uns eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Wir ermöglichen Individualmobilität als wichtigen Baustein im Kontext gesellschaftlicher Teilhabe, Lebensqualität und Integration. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auch über das Jahr 2040 hinaus nicht wegzudenken sind“, ergänzt der Verbandschef.

Hier können Sie kostenfrei das PDF der Branchenstudie Tankstellenmarkt 2022 anfordern: https://branchenstudie2022.bft.de 

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