Was wird aus den Tankstellen?

Marktkenner Holger Förster sieht sowohl die Tankstellen der Mineralolgesellschaften als auch die des Mittelstandes künftig sehr gut aufgestellt. Die Branche bleibt auch als Arbeitgeber attraktiv.

„Selbst wenn alle Hausbesitzer und alle Arbeitgeber per Gesetz gezwungen würden, künftig Steckdosen für E-Autos vorzuhalten, selbst dann stehen die 14.500 Tankstellen in Deutschland immer noch vor einer prosperierenden Zukunft. Es würde zwar in den kommenden Jahren die eine oder andere ungünstig gelegene Station aufgeben müssen. Aber das große Tankstellensterben der 1970er und 1980er Jahre ist vorbei. Für unsere Wirtschaft und Gesellschaft sind Tankstellen auch in Zukunft unverzichtbar“, sagt Holger Förster.

Der Hanauer Unternehmer weiß, wovon er spricht. Der alleinvertretungsberechtigte geschaftsführende Gesellschafter der MTV Förster GmbH & Co. KG betreibt in ganz Deutschland rund 40 Tankstellen mit den Marken „bft“, „ARAL“ und „SHELL“. Auch mehrere Autobahntankstellen und ein Autohof gehören dazu. Förster ist zudem in der Mineralölbranche bestens vernetzt. So war der 1954 geborene Kaufmann von 1995 bis 2019 im Vorstand des Bundesverbandes Freier Tankstellen und unabhängiger Deutscher Mineralölhändler (bft). Der Verband repräsentiert rund ein Sechstel des Tankstellenmarktes in Deutschland. Zudem betreut der bft über 500 Mitgliedsfirmen mit mehr als 2.500 Tankstellen. Försters Unternehmensgruppe, dazu gehören auch Joint Ventures mit Partnern, verpachtet Tankstellen in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Sachsen. Wenn sich die E-Mobilitat oder andere alternative Antriebe durchsetzen: Wie kommen dann der Strom oder die alternativen Treibstoffe zu den Verbrauchern? Auf die Frage kann Marktkenner Holger Förster so kompetent antworten wie kaum ein anderer.
 

Auch schneller Strom braucht Tankstellen

Es ist wie so oft: Selbstverständliches wird kaum hinterfragt. Wer denkt schon darüber nach, dass Deutschland heute bezüglich Raffinerien und Treibstoffversorgung hervorragend aufgestellt ist? Förster konkret: „Wir haben die besten Raffinerien der Welt im Land. Zwar gibt es keine 45.000 Tankstellen mehr wie vor 45 Jahren, aber die Privatwirtschaft stellt ohne staatliche Unterstützung eine flächendeckende Versorgung sicher.“

Dank einer hocheffizienten Logistik schafft es die Branche, nicht nur mit privaten Endverbrauchern gute Geschäfte zu machen. Immerhin 40 Prozent des Umsatzes tätigen gewerbliche Kunden, wozu der Schwerlastverkehr drei Viertel beiträgt. Die in einem sehr intensiven Wettbewerb stehenden Logistiker achten notgedrungen sehr stark auf ihre Kosten und tanken konsequenterweise da, wo alle Benzin und Diesel kaufen. Immerhin um voraussichtlich 2,5 Prozent wuchs im Jahr 2017 der Tankstellenumsatz von Benzin und Diesel hierzulande. In den nächsten fünf Jahren dürfte der Dieselumsatz für Lkw weiter steigen.

Was würde mit dieser marktfähigen Infrastruktur passieren, wenn die Visionen der Bundesregierung zur Mobilität Wirklichkeit werden? „Batteriebetriebene Fahrzeuge sind eine Konkurrenz, aber sie beleben auch das Geschäft“, antwortet Holger Förster. Doch die von der Bundesregierung angekündigten und mit 300 Millionen Euro geförderten 15.000 Ladestationen vor Supermärkten und anderen Geschäften bewegen den Markt bisher kaum. Noch halten sich die globalen Mineralölkonzerne mit Investitionen in diese Ladestationen zurück, weil viele technische Probleme nicht gelöst sind. So sind unter anderem die Ladezeiten viel zu lang. Vermutlich werden sich nur an den Autobahnen und wenigen anderen, günstig gelegenen Standorten die teuren Schnellladestationen etablieren. Der Grund: Ihr Strom wäre schlicht viel zu teuer für den Normalverbraucher und den Wirtschaftsverkehr. Die Probleme der Schnellladestationen stecken im Detail. Förster erläutert: „Wir bauen gerade die ARAL-Tankstelle an der Friedrich-Ebert-Anlage in Hanau komplett neu: Das ist eine unserer Baustellen. Natürlich beobachten wir den Markt und selbstverständlich errichten wir im Neubau auch drei Ladestationen für Stromer. Der Strombedarf der gesamten Tankstelle einschließlich der Autowaschanlage wird bei rund 140 kW liegen. Für die Schnellladestation wären alleine 150 kW fällig.“

Solche Mengen stellen sogar die Versorger, etwa die Stadtwerke, vor große Probleme: Das wäre nur mit sehr teuren Trafo-Aggregaten möglich, deren Kosten sich jeweils auf mindestens 100.000 Euro belaufen. Flächendeckend dürften sich solche Stromtankstellen nur an wenigen Standorten betreiben lassen, etwa an Autobahnen und Autohöfen. Die Halter von E-Fahrzeugen werden im Normalfall viel Zeit fürs Tanken und nur geringe Reichweiten einkalkulieren müssen. Fahrten von über 1.000 km ohne Nachtanken, wie sie Dieselantriebe mittlerweile ermöglichen, sind bei

Stromern illusorisch. Die E-Mobilität dürfte sich nach heutigem Stand allenfalls im Kurzverkehr durchsetzen. Deswegen stuft die Mineralölwirtschaft im Moment das politisch angetriebene Vorhaben E-Mobilität per Batterie als Sackgasse ein.
 

Jede Form der Mobilität benötigt Energie

Und was ist mit den anderen alternativen Antriebsformen wie Autogas, synthetischen Kraftstoffen, Wasserstoff, Power-to-Gas oder Power-to Liquid? Holger Förster weiß aus vielen Gesprächen, dass die Entscheider in der Mineralölwirtschaft fest entschlossen um ihren Marktanteil kämpfen. In diese Kraftstoffe und in deren Logistik soll massiv investiert werden. Sollten bis zum Jahr 2023, wie von der Wirtschaftsinitiative „H2 MOBILITY“ geplant, 400 Wasserstoff-Tankstellen flächendeckend in Deutschland entstehen, fallen Investitionen in Höhe von etwa 400 bis 500 Millionen Euro an. Wenig überraschend, weil es um die Marktanteile der Zukunft geht: Die Mineralölbranche treibt dieses Vorhaben mit voran.

Die Branche setzt ungeachtet dessen weiterhin auf die konventionellen Antriebe als Geschäftsfeld. Aus gutem Grund: Einerseits werden die Vergaser-Motoren immer effizienter, in Deutschland arbeiten die besten Automobilbau-Ingenieure. Andererseits reichen die aktuell bekannten Erdölreserven auf der Welt bei heutigem Verbrauch noch 150 Jahre – mindestens. Dieses Geschäfts- feld wird folglich noch viele Jahre ertragreich sein. Und wenn die Umwandlung von (Öko-)Strom zu Wasserstoff und weiter zu Erdgas oder synthetischem Kraftstoff den Markt erobern sollte, dann wäre die heute vorhandene Tankstellen-Infrastruktur für diese CO2-neutralen Kraftstoffe wie geschaffen.
 

Wettbewerbsvorteil: Sozialer Treffpunkt

Seit Jahrzehnten entwickeln sich die Tankstellen konsequent hin zu mehr Kundenorientierung. Nicht zuletzt die mittelständischen Unternehmer können sich auf diese Weise optimal positionieren. Angebote der Nahversorgung, Bankautomaten, Bistros oder auch Lagerdienstleistungen für Internet-Versandhäuser sind längst Alltag. Die Folgen sind beachtlich: Aktuell erwirtschaften die Tankstellenbetreiber nur noch 20 Prozent ihres Gewinns aus dem Treibstoffgeschäft. Viel wichtiger sind die anderen Geschäftsfelder, etwa die Waschanlagen. Über die Hälfte der Besucher tankt noch nicht einmal, sondern nutzt nur den Versorgungsauftrag der Tankstellen – gerne auch rund um die Uhr. Das nicht unbeträchtliche Know-how, Gefahrgut und Nahversorgung miteinander zu verzahnen sowie die Behördenauflagen zu erfüllen, dürfte nicht zuletzt dank dieser wichtigen Zusatzfunktionen erhalten bleiben.

„Man weiß heute noch nicht, wo der Weg in Zukunft hinführt. Die kommenden Jahre werden sehr spannend. Totgesagte leben länger“, schmunzelt Holger Förster und resümiert. „Für Wirtschaft und Gesellschaft sind Tankstellen auch in Zukunft unverzichtbar.“

 

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